Montag, 21. Mai 2007
X wie Mister X
maroni, 00:20h
http://www.neon.de/kat/kaufen/mode/159267.html
Neon Magazin-Text [Mode] Ausgabe [Oktober 2006] von ingo_mocek
Martin Margiela ist das Phantom der Mode: Kein Foto und kein wirkliches Interview gibt es vom Belgier. NEON heftete sich in Florenz an seine Fersen.
»Wie? Sie haben ihn wirklich nicht gesehen? Aber er war doch gerade noch hier!« Ich stehe im riesigen Messesaal der Fortezza da Basso in Florenz, dem Austragungsort der wichtigsten Herrenmodemesse Europas, und lasse mich von einem Floristen anbrüllen. Jetzt lacht Mario Silicato. Es klingt wie mein Handy. Der Mann mit den gewirbelten Locken, dem gemütlichen Bauch, trägt einen weißen Kittel. Verkauft Rosen. Verschenkt Ballons. Ich suche Martin Margiela, den einzigen Modeschöpfer, von dem es kein Bild gibt, kein Foto, nirgends. Aber hier muss er sein, auf der Messe, der »Pitti Immagine Uomo 69« – schließlich ist die Firma des Designers das Flaggschiff der Saison.
Viele Stände, ganz in der Margielafarbe Weiß, wurden von Angestellten der »Maison Martin Margiela« entworfen. Die Blumen des Herrn Silicato sind weiß, wie auch sein dummer Ballon. Den gebe ich ihm jetzt zurück. Schweiß steht auf meiner Stirn. »Ich will ihn nicht!« Damit mich der dicke Italiener überhaupt versteht, brülle ich – so viele laute Vertreter von Modekaufhäusern und -boutiquen rempeln hier herum, begutachten die Ware, rechnen aus, schätzen ab. Plötzlich deutet Herr Silicato mit einem riesigen weißen Schirm auf eine Frau, die eine Übergrößenbluse ohne BH trägt. »Da hinten! Das ist Margiela! Beeilen Sie sich!« Ich rase in die Richtung, an weißen Kunstblumensträußen, weißen Passbildautomaten, ja, sogar einem weißen Kettenkarrussel vorbei. Langsam wird mir schwindelig.
Seit gestern bin ich auf der »Pitti«. Margielas Pressesprecherin hat bestätigt, dass der Meister selbst zugegen ist, gestern noch, am Telefon. Der Messedirektor in seinem Cecil-Beaton-Abendpullover hat ausgesehen wie ein Hahn, heute morgen, als er mit stolzgeschwellter Brust in seiner Eröffnungsrede erklärte, er habe bereits mit Herrn Margiela gespeist. Aber war das mehr als ein nervöser Witz? Es wäre eine Sensation, Margiela zu begegnen, von Angesicht zu Angesicht; wenig weiß die Welt von ihm. 1959 wird er in Belgien geboren. 1988 eröffnet er sein erstes Geschäft in Paris. 1992 feiert er mit einer Schau in einem Depot der dortigen Heilsarmee seinen Durchbruch als Modeschöpfer – mit saumlosen Kleidern aus verfilzter Wolle, mit Sweatern aus Armeesocken, mit Patchwork-Jeans aus auseinandergeschnittenem und wieder zusammengesetztem Material. Inspiriert wird er von der Kleidung des Nirvana-Sängers Kurt Cobain, der seine Sweatshirts mit der Innenseite nach außen trug. Margiela verwandelt die Noten Nirvanas in Kleider, seine Schnitttechniken legt er demonstrativ offen. In den folgenden Jahren zeigt er auf Modenschauen leere Kleiderständer, von Bakterien zerfressene T-Shirts und explodierende Farbbeutel. Margiela bleibt lange Zeit selbstständig, arbeitet aber nebenher als Couturier fürHermès. Um die Jahrtausendwende wird es still um ihn. Bis 2002. Da tritt Renzo Rosso auf die Bildfläche. Der Gründer und Besitzer des Diesel-Konzerns, der im Jahr über eine Milliarde Euro umsetzt, ist ebenfalls ein Pionier der Gebrauchtmode. Der Sohn eines Bauern rubbelte in den 70ern Jeansentwürfe mit Steinen ab, um sie gebraucht aussehen zu lassen. Woche für Woche fuhr er mit seinem Ford Transit durch Europa, um sie zu verkaufen. Rosso ist ein Marketinggenie: In den letzten Jahren halbierte er die Zahl seiner Verkaufsstellen und vervierfachte den Preis für eine Jeans. Außerdem nahm er neben Vivienne Westwood und der Marke DSquared auch Margiela unter seine Fittiche – und verpasste dem kleinen Kollektiv, das lange Jahre mit sehr, sehr wenigen Computern arbeitete, ein Vertriebsnetz, eine Infrastruktur, eine gewaltige Injektion Geld. Nun sollen Kunden gemehrt, Absätze gesteigert werden – das Wunder der Geldvermehrung soll sich auch auf Martin Margiela übertragen. Dessen »einfachere« Kollektion, erkennbar an vier weißen Fäden im logofreien Etikett, hängt mittlerweile selbst in Deutschland in knapp 20 Bekleidungsgeschäften; in den nächsten Jahren soll sich die Zahl verdoppeln.
Am Abend zeigt Margiela in Florenz etwas, das er sonst sehr selten zeigt: eine Modenschau mit echten Models. Wie aber könnte sich der Schöpfer sein eigenes Spektakel entgehen lassen? Er muss also hier sein – nicht erst abends. Jetzt. Wieder höre ich das Lachen des Floristen. Diesmal ist es aber wirklich mein Handy: Ein Anruf von Samantha Garrett, Margielas Pressesprecherin. Sie redet mit mir wie mit einem Hund. »Hurry up, Ingo!« Ich soll sofort zu ihr kommen. Er ist jetzt da, er möchte mich sprechen. Noch nie gab der Meister ein Interview. Entgeistert gleite ich fast zu Boden.
In einem kleinen, jedoch sehr hellen Raum werde ich meiner Sinne wieder Herr. Vor mir sitzt ein Mann, dessen Gesicht der exakten Vergrößerung eines Überraschungseis gleicht. »Guten Tag«, sagt das Ei. »Ich bin Patrick Scallon, Art Communications und Creative Director in der Maison Martin Margiela.« Interessant. Aber wo ist ER? »Geht es Ihnen gut?« Das Überraschungsei schmunzelt. »Sehen Sie?« Das Ei nestelt an seinem Halstuch herum. »Es ist nicht alles weiß, was wir machen. Nehmen Sie nur dieses Tuch, dieser Ton, das ist ecru, ein dunkleres weiß.« Was redet der Mann? Aber natürlich: Er ist mit allen Wassern gewaschen. Er will mich weichkochen. Nun heißt es: Klarstellen, was Sache ist. Ich springe auf. »WO IST MARGIELA?« sage ich laut. »Sie haben gesagt, ich könnte ihn treffen.« Scallon bleibt ganz ruhig. »Meinen Sie im Ernst, er gäbe sich für Sie zu erkennen?« Mist. Hier komme ich nicht weiter. »Gibt es Martin Margiela überhaupt?« »Was meinen Sie, wer meinen Flug zu dieser Messe bezahlt hat?« Scallons Gegenfrage hat etwas sphinxhaftes. Auch sonst scheint das Ei, das vor seiner Anstellung bei Margiela als Redenschreiber in Brüssel gearbeitet hat, sehr schlagfertig, sehr intelligent. Ich muss Zeit gewinnen. Vielleicht kommt der Meister ja gleich rein, einfach so. Oder er klingelt mal durch. Ob Margiela, dessen Kleider in Museen ausgestellt werden, in Wirklichkeit ein Künstler sei, ein Rauschenberg, ein Beuys, frage ich.
Ob der Verzicht auf Label und Gesicht ein Beitrag zur Mode der Zeit sei, in der sich jeder Designer mit seinem Namen auf zwölf verschiedenen Parfümflakons abbilden lässt. Patrick Scallon verneint all diese Fragen. Margiela reagiere nicht, sondern schaffe seine eigene Welt, eine Welt aus Weiß und Ecru. »Das ist«, Patrick Scallon lächelt jetzt, »ein anderes, ein dunkleres Weiß.« Er wird jetzt richtig gesprächig. »Die neuen Kommunikationsmittel haben nicht dazu beigetragen, dass sich die Menschen näher kommen. Das Internet verstärkt die Angst, Informationen zu verpassen, nicht mehr dazuzugehören. Deshalb erleben wir in der Mode eine neue Sehnsucht nach Uniformität. Die Menschen wollen sich nicht mehr abgrenzen. Sie wollen dazugehören. Interessant, nicht wahr?« Ich trinke einen Schluck Wasser. Scallon schaut mich an. »Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe?« Habe ich. Aber jetzt gilt: Bloß nicht einlullen lassen vom jovialen Redenschreiber-Ei. Ich habe einen klaren Auftrag: Margiela. »Wenn Ihr Chef ein Tier wäre, was für ein Tier wäre er dann?« Das Ei schaut mich gelangweilt an. »Ein Biber.«
Die Modenschau am Abend ist eine riesige Party, auf der Models in Weiß und Ecru herumstehen. Eine kleine, rundliche Frau zieht mich in einen Gang und verschließt hinter uns die Tür. Aus ihrer Handtasche holt sie einen Schlauch, aus dem sie Luft inhaliert. »Hier, wenn Sie auch mal ziehen wollen?« Ich stecke den Schlauch in meinen Mund und hole tief Luft. Sofort überkommt mich ein starkes Glücksgefühl, während die Frau, die behauptet, Suzie zu heißen, mit dunkler Stimme auf mich einredet. »Margiela ist jetzt überall!« ruft die Frau und rudert wirr mit den Armen. »Vielleicht haben Sie ihn bereits entdeckt?« Dann lacht sie auf. Ihr Gesicht wird rot, und die Frau verschwindet im Gang. Unter dem Einfluss der Schlauchinhalation suche ich Martin Margiela die ganze Nacht hindurch in den Biegungen von Florenz. Als mir eine aufdringliche Klatschreporterin erzählt, Margiela sähe so aus wie Harrison Ford, verfolge ich mit dem Taxi etwa eine Stunde lang einen Mann, der aussieht wie Harrison Ford. Dann wird es mir zu dumm. Ich fahre in mein Hotelzimmer zurück, zornig, ermattet, ohne Erfolg.
Am nächsten Morgen treffe ich Renzo Rosso. Ich versuche, extrem nett zu sein – der Mann hat immerhin die Privatnummer vom Dalai Lama und die von Caroline von Monaco in seinem Handy. Vielleicht rückt er ja eine raus. Wir treffen uns in einem von Margielas Mitarbeitern gestalteten Café auf der »Pitti«. »Ah! Ein deutscher Journalist!« Renzo Rosso, der neben einer vier Meter langen Blondine sitzt, steht auf und umarmt mich wie einen Bruder. Er riecht nach Odol. »Sie haben zehn Minuten«, flüstert er mir mit starkem italienischem Akzent ins Ohr, als wir uns setzen. Die Blondine starrt mich an. Ich starre zurück. Ihr Starren ist stärker. »Margiela? Ob es ihn wirklich gibt?« Rosso lacht. Er redet mit mir, als würde er einem Schwerhörigen den Weg zu den Toiletten erklären. »Ich telefoniere jeden Tag mit ihm! Ganz bestimmt war er hier! Ich glaube, er ist kurz vor der Modenschau wieder gefahren! Wissen Sie was? Er hat sich als Blumen- und Ballonverkäufer betätigt, an seinem eigenen Stand! Witzig, nicht wahr? Ein Namensschild trug er auch, warten Sie, was stand drauf … « »Stopp!« Die Vier-Meter-Blondine steht auf und streckt mir ihre sichelförmige Hand entgegen. »Ihre Zeit ist abgelaufen! Vielen Dank für Ihr Interesse an Renzo Rosso.« »Aber … « Als ich etwas sagen will, streift sie mich mit einem Blick, der älter ist als sie, so alt wie alle Gespräche zwischen Menschen zusammen. Auf der Rückreise sind einige Wolken am Himmel weiß, andere in Ecru, einem dunkleren Weiß, gehalten. Und Martin Margiela ist überall.
Neon Magazin-Text [Mode] Ausgabe [Oktober 2006] von ingo_mocek
Martin Margiela ist das Phantom der Mode: Kein Foto und kein wirkliches Interview gibt es vom Belgier. NEON heftete sich in Florenz an seine Fersen.
»Wie? Sie haben ihn wirklich nicht gesehen? Aber er war doch gerade noch hier!« Ich stehe im riesigen Messesaal der Fortezza da Basso in Florenz, dem Austragungsort der wichtigsten Herrenmodemesse Europas, und lasse mich von einem Floristen anbrüllen. Jetzt lacht Mario Silicato. Es klingt wie mein Handy. Der Mann mit den gewirbelten Locken, dem gemütlichen Bauch, trägt einen weißen Kittel. Verkauft Rosen. Verschenkt Ballons. Ich suche Martin Margiela, den einzigen Modeschöpfer, von dem es kein Bild gibt, kein Foto, nirgends. Aber hier muss er sein, auf der Messe, der »Pitti Immagine Uomo 69« – schließlich ist die Firma des Designers das Flaggschiff der Saison.
Viele Stände, ganz in der Margielafarbe Weiß, wurden von Angestellten der »Maison Martin Margiela« entworfen. Die Blumen des Herrn Silicato sind weiß, wie auch sein dummer Ballon. Den gebe ich ihm jetzt zurück. Schweiß steht auf meiner Stirn. »Ich will ihn nicht!« Damit mich der dicke Italiener überhaupt versteht, brülle ich – so viele laute Vertreter von Modekaufhäusern und -boutiquen rempeln hier herum, begutachten die Ware, rechnen aus, schätzen ab. Plötzlich deutet Herr Silicato mit einem riesigen weißen Schirm auf eine Frau, die eine Übergrößenbluse ohne BH trägt. »Da hinten! Das ist Margiela! Beeilen Sie sich!« Ich rase in die Richtung, an weißen Kunstblumensträußen, weißen Passbildautomaten, ja, sogar einem weißen Kettenkarrussel vorbei. Langsam wird mir schwindelig.
Seit gestern bin ich auf der »Pitti«. Margielas Pressesprecherin hat bestätigt, dass der Meister selbst zugegen ist, gestern noch, am Telefon. Der Messedirektor in seinem Cecil-Beaton-Abendpullover hat ausgesehen wie ein Hahn, heute morgen, als er mit stolzgeschwellter Brust in seiner Eröffnungsrede erklärte, er habe bereits mit Herrn Margiela gespeist. Aber war das mehr als ein nervöser Witz? Es wäre eine Sensation, Margiela zu begegnen, von Angesicht zu Angesicht; wenig weiß die Welt von ihm. 1959 wird er in Belgien geboren. 1988 eröffnet er sein erstes Geschäft in Paris. 1992 feiert er mit einer Schau in einem Depot der dortigen Heilsarmee seinen Durchbruch als Modeschöpfer – mit saumlosen Kleidern aus verfilzter Wolle, mit Sweatern aus Armeesocken, mit Patchwork-Jeans aus auseinandergeschnittenem und wieder zusammengesetztem Material. Inspiriert wird er von der Kleidung des Nirvana-Sängers Kurt Cobain, der seine Sweatshirts mit der Innenseite nach außen trug. Margiela verwandelt die Noten Nirvanas in Kleider, seine Schnitttechniken legt er demonstrativ offen. In den folgenden Jahren zeigt er auf Modenschauen leere Kleiderständer, von Bakterien zerfressene T-Shirts und explodierende Farbbeutel. Margiela bleibt lange Zeit selbstständig, arbeitet aber nebenher als Couturier fürHermès. Um die Jahrtausendwende wird es still um ihn. Bis 2002. Da tritt Renzo Rosso auf die Bildfläche. Der Gründer und Besitzer des Diesel-Konzerns, der im Jahr über eine Milliarde Euro umsetzt, ist ebenfalls ein Pionier der Gebrauchtmode. Der Sohn eines Bauern rubbelte in den 70ern Jeansentwürfe mit Steinen ab, um sie gebraucht aussehen zu lassen. Woche für Woche fuhr er mit seinem Ford Transit durch Europa, um sie zu verkaufen. Rosso ist ein Marketinggenie: In den letzten Jahren halbierte er die Zahl seiner Verkaufsstellen und vervierfachte den Preis für eine Jeans. Außerdem nahm er neben Vivienne Westwood und der Marke DSquared auch Margiela unter seine Fittiche – und verpasste dem kleinen Kollektiv, das lange Jahre mit sehr, sehr wenigen Computern arbeitete, ein Vertriebsnetz, eine Infrastruktur, eine gewaltige Injektion Geld. Nun sollen Kunden gemehrt, Absätze gesteigert werden – das Wunder der Geldvermehrung soll sich auch auf Martin Margiela übertragen. Dessen »einfachere« Kollektion, erkennbar an vier weißen Fäden im logofreien Etikett, hängt mittlerweile selbst in Deutschland in knapp 20 Bekleidungsgeschäften; in den nächsten Jahren soll sich die Zahl verdoppeln.
Am Abend zeigt Margiela in Florenz etwas, das er sonst sehr selten zeigt: eine Modenschau mit echten Models. Wie aber könnte sich der Schöpfer sein eigenes Spektakel entgehen lassen? Er muss also hier sein – nicht erst abends. Jetzt. Wieder höre ich das Lachen des Floristen. Diesmal ist es aber wirklich mein Handy: Ein Anruf von Samantha Garrett, Margielas Pressesprecherin. Sie redet mit mir wie mit einem Hund. »Hurry up, Ingo!« Ich soll sofort zu ihr kommen. Er ist jetzt da, er möchte mich sprechen. Noch nie gab der Meister ein Interview. Entgeistert gleite ich fast zu Boden.
In einem kleinen, jedoch sehr hellen Raum werde ich meiner Sinne wieder Herr. Vor mir sitzt ein Mann, dessen Gesicht der exakten Vergrößerung eines Überraschungseis gleicht. »Guten Tag«, sagt das Ei. »Ich bin Patrick Scallon, Art Communications und Creative Director in der Maison Martin Margiela.« Interessant. Aber wo ist ER? »Geht es Ihnen gut?« Das Überraschungsei schmunzelt. »Sehen Sie?« Das Ei nestelt an seinem Halstuch herum. »Es ist nicht alles weiß, was wir machen. Nehmen Sie nur dieses Tuch, dieser Ton, das ist ecru, ein dunkleres weiß.« Was redet der Mann? Aber natürlich: Er ist mit allen Wassern gewaschen. Er will mich weichkochen. Nun heißt es: Klarstellen, was Sache ist. Ich springe auf. »WO IST MARGIELA?« sage ich laut. »Sie haben gesagt, ich könnte ihn treffen.« Scallon bleibt ganz ruhig. »Meinen Sie im Ernst, er gäbe sich für Sie zu erkennen?« Mist. Hier komme ich nicht weiter. »Gibt es Martin Margiela überhaupt?« »Was meinen Sie, wer meinen Flug zu dieser Messe bezahlt hat?« Scallons Gegenfrage hat etwas sphinxhaftes. Auch sonst scheint das Ei, das vor seiner Anstellung bei Margiela als Redenschreiber in Brüssel gearbeitet hat, sehr schlagfertig, sehr intelligent. Ich muss Zeit gewinnen. Vielleicht kommt der Meister ja gleich rein, einfach so. Oder er klingelt mal durch. Ob Margiela, dessen Kleider in Museen ausgestellt werden, in Wirklichkeit ein Künstler sei, ein Rauschenberg, ein Beuys, frage ich.
Ob der Verzicht auf Label und Gesicht ein Beitrag zur Mode der Zeit sei, in der sich jeder Designer mit seinem Namen auf zwölf verschiedenen Parfümflakons abbilden lässt. Patrick Scallon verneint all diese Fragen. Margiela reagiere nicht, sondern schaffe seine eigene Welt, eine Welt aus Weiß und Ecru. »Das ist«, Patrick Scallon lächelt jetzt, »ein anderes, ein dunkleres Weiß.« Er wird jetzt richtig gesprächig. »Die neuen Kommunikationsmittel haben nicht dazu beigetragen, dass sich die Menschen näher kommen. Das Internet verstärkt die Angst, Informationen zu verpassen, nicht mehr dazuzugehören. Deshalb erleben wir in der Mode eine neue Sehnsucht nach Uniformität. Die Menschen wollen sich nicht mehr abgrenzen. Sie wollen dazugehören. Interessant, nicht wahr?« Ich trinke einen Schluck Wasser. Scallon schaut mich an. »Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe?« Habe ich. Aber jetzt gilt: Bloß nicht einlullen lassen vom jovialen Redenschreiber-Ei. Ich habe einen klaren Auftrag: Margiela. »Wenn Ihr Chef ein Tier wäre, was für ein Tier wäre er dann?« Das Ei schaut mich gelangweilt an. »Ein Biber.«
Die Modenschau am Abend ist eine riesige Party, auf der Models in Weiß und Ecru herumstehen. Eine kleine, rundliche Frau zieht mich in einen Gang und verschließt hinter uns die Tür. Aus ihrer Handtasche holt sie einen Schlauch, aus dem sie Luft inhaliert. »Hier, wenn Sie auch mal ziehen wollen?« Ich stecke den Schlauch in meinen Mund und hole tief Luft. Sofort überkommt mich ein starkes Glücksgefühl, während die Frau, die behauptet, Suzie zu heißen, mit dunkler Stimme auf mich einredet. »Margiela ist jetzt überall!« ruft die Frau und rudert wirr mit den Armen. »Vielleicht haben Sie ihn bereits entdeckt?« Dann lacht sie auf. Ihr Gesicht wird rot, und die Frau verschwindet im Gang. Unter dem Einfluss der Schlauchinhalation suche ich Martin Margiela die ganze Nacht hindurch in den Biegungen von Florenz. Als mir eine aufdringliche Klatschreporterin erzählt, Margiela sähe so aus wie Harrison Ford, verfolge ich mit dem Taxi etwa eine Stunde lang einen Mann, der aussieht wie Harrison Ford. Dann wird es mir zu dumm. Ich fahre in mein Hotelzimmer zurück, zornig, ermattet, ohne Erfolg.
Am nächsten Morgen treffe ich Renzo Rosso. Ich versuche, extrem nett zu sein – der Mann hat immerhin die Privatnummer vom Dalai Lama und die von Caroline von Monaco in seinem Handy. Vielleicht rückt er ja eine raus. Wir treffen uns in einem von Margielas Mitarbeitern gestalteten Café auf der »Pitti«. »Ah! Ein deutscher Journalist!« Renzo Rosso, der neben einer vier Meter langen Blondine sitzt, steht auf und umarmt mich wie einen Bruder. Er riecht nach Odol. »Sie haben zehn Minuten«, flüstert er mir mit starkem italienischem Akzent ins Ohr, als wir uns setzen. Die Blondine starrt mich an. Ich starre zurück. Ihr Starren ist stärker. »Margiela? Ob es ihn wirklich gibt?« Rosso lacht. Er redet mit mir, als würde er einem Schwerhörigen den Weg zu den Toiletten erklären. »Ich telefoniere jeden Tag mit ihm! Ganz bestimmt war er hier! Ich glaube, er ist kurz vor der Modenschau wieder gefahren! Wissen Sie was? Er hat sich als Blumen- und Ballonverkäufer betätigt, an seinem eigenen Stand! Witzig, nicht wahr? Ein Namensschild trug er auch, warten Sie, was stand drauf … « »Stopp!« Die Vier-Meter-Blondine steht auf und streckt mir ihre sichelförmige Hand entgegen. »Ihre Zeit ist abgelaufen! Vielen Dank für Ihr Interesse an Renzo Rosso.« »Aber … « Als ich etwas sagen will, streift sie mich mit einem Blick, der älter ist als sie, so alt wie alle Gespräche zwischen Menschen zusammen. Auf der Rückreise sind einige Wolken am Himmel weiß, andere in Ecru, einem dunkleren Weiß, gehalten. Und Martin Margiela ist überall.
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biography 03
maroni, 00:17h
http://www.tendances-de-mode.com/2007/03/09/94-martin-margiela 09 03 2007
Martin Margiela est le créateur de mode par excellence et, en l’occurrence, ce banal cliché est tout à fait justifié. Contrairement à tout autre créateur, il produit un travail qui s’apparente à une forme distincte de « métamode » : en effet, ses vêtements parlent avant tout de vêtements. Sa vision particulière et bien définie l’a imposé comme l’un des stylistes les plus influents et les plus iconoclastes qui ont émergé ces 15 dernières années.
Né en 1959 à Limbourg en Belgique, Margiela étudie à la Royale Académie d’Anvers et fait partie de la première vague de nouveaux talents de la ville. Entre 1984 et 1987, il est assistant de Jean Paul Gaultier ; en 1998, il fonde la maison Martin Margiela à Paris et présente sa première collection pour femme Printemps-Eté la même année.
Cherchant désespérément à définir la mode de Margiela, avec sa franchise et sa manie du procédé artisanal, la presse baptise ce nouveau style "déconstruction". Évitant le culte de la personnalité qui atteint de nombreux designers, Martin Margiela cherche au contraire à développer un culte de l’impersonnalité en s’affranchissant des conventions de l’industrie de la mode.
Jamais pris en photo, jamais interviewé en personne (il répond aux questions posées par fax), même la griffe de ses vêtements reste vierge, « 6 » pour les basiques féminins et « 10 » pour les hommes.
Il est aussi le père du “work in progress”, c'est-à-dire le principe où l’on transforme et ne jette pas.
Des chaussettes récupérées dans les stocks de l’armée sont décousues et assemblées en pull-over; le pantalon à pinces masculin devient une jupe; une housse d'emballage en plastique se métamorphose en haut porté sur une robe...
Martin Margiela crée vraiment des vêtements qui parlent d’eux-mêmes et Hermès l’a bien compris : à l’époque où il est de bon ton d’engager des personnalités à la direction de la création, la maison Hermès l’engage en 1997 comme styliste principal de sa ligne Femme, un choix qui s’est avéré depuis très inspiré.
En l’an 2000, la première boutique Martin Margiela ouvre ses portes à Tokyo, suivie en 2002 par Bruxelles et Paris. Chacune d’elles présente la gamme complète des produits Margiela, y compris les chaussures, des livres et des objets.
Juillet 2002 : après le départ de Jenny Meirens, Renzo Rosso, le patron de Diesel, devient actionnaire majoritaire de la Maison Martin Margiela. En 2003, le designer met fin à sa collaboration avec la maison Hermes, et laisse la place à son ancien employeur, JP Gaultier.
Depuis il mène sa barque et ne cesse de créer et d’innover, ses défilés et les collections dites « artisanales » n’ont jamais démenti son talent et son anti-conformisme.
Martin Margiela est le créateur de mode par excellence et, en l’occurrence, ce banal cliché est tout à fait justifié. Contrairement à tout autre créateur, il produit un travail qui s’apparente à une forme distincte de « métamode » : en effet, ses vêtements parlent avant tout de vêtements. Sa vision particulière et bien définie l’a imposé comme l’un des stylistes les plus influents et les plus iconoclastes qui ont émergé ces 15 dernières années.
Né en 1959 à Limbourg en Belgique, Margiela étudie à la Royale Académie d’Anvers et fait partie de la première vague de nouveaux talents de la ville. Entre 1984 et 1987, il est assistant de Jean Paul Gaultier ; en 1998, il fonde la maison Martin Margiela à Paris et présente sa première collection pour femme Printemps-Eté la même année.
Cherchant désespérément à définir la mode de Margiela, avec sa franchise et sa manie du procédé artisanal, la presse baptise ce nouveau style "déconstruction". Évitant le culte de la personnalité qui atteint de nombreux designers, Martin Margiela cherche au contraire à développer un culte de l’impersonnalité en s’affranchissant des conventions de l’industrie de la mode.
Jamais pris en photo, jamais interviewé en personne (il répond aux questions posées par fax), même la griffe de ses vêtements reste vierge, « 6 » pour les basiques féminins et « 10 » pour les hommes.
Il est aussi le père du “work in progress”, c'est-à-dire le principe où l’on transforme et ne jette pas.
Des chaussettes récupérées dans les stocks de l’armée sont décousues et assemblées en pull-over; le pantalon à pinces masculin devient une jupe; une housse d'emballage en plastique se métamorphose en haut porté sur une robe...
Martin Margiela crée vraiment des vêtements qui parlent d’eux-mêmes et Hermès l’a bien compris : à l’époque où il est de bon ton d’engager des personnalités à la direction de la création, la maison Hermès l’engage en 1997 comme styliste principal de sa ligne Femme, un choix qui s’est avéré depuis très inspiré.
En l’an 2000, la première boutique Martin Margiela ouvre ses portes à Tokyo, suivie en 2002 par Bruxelles et Paris. Chacune d’elles présente la gamme complète des produits Margiela, y compris les chaussures, des livres et des objets.
Juillet 2002 : après le départ de Jenny Meirens, Renzo Rosso, le patron de Diesel, devient actionnaire majoritaire de la Maison Martin Margiela. En 2003, le designer met fin à sa collaboration avec la maison Hermes, et laisse la place à son ancien employeur, JP Gaultier.
Depuis il mène sa barque et ne cesse de créer et d’innover, ses défilés et les collections dites « artisanales » n’ont jamais démenti son talent et son anti-conformisme.
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biography 02
maroni, 00:14h
http://www.belgium.be/eportal/application?languageParameter=fr&pageid=contentPage&docId=21610
Martin Margiela (né en1957), styliste
Né à Genk en 1957, Martin Margiela est diplômé de l’Académie des Beaux-Arts d’Anvers. Il fait partie des stylistes de mode du “groupe des six”. Collaborateur de Jean-Paul Gaultier en 1984, il le quitte pour fonder sa propre société, la Maison Margiela, en 1988. Considéré comme un designer “intellectuel”, artiste discret, minimaliste et anticonformiste, Martin Margiela ne cesse de surprendre tant par sa conception du “work in progress” et ses récupérations de vêtements que par son goût du non-fini et par le choix d’endroits insolites pour présenter ses collections.
Martin Margiela entre à 17 ans à l' Académie des Beaux-Arts d'Anvers. Il multiplie les expériences, s'associant à d'autres créateurs tels que ceux du “groupe des six” (dont les autres membres sont Ann Demeulemeester, Dries Van Noten, Dirk Bikkembergs, Dirk Van Saene et Walter Van Beirendonck), travaillant comme styliste à Milan puis styliste de mode pour des magazines, collaborant enfin avec Jean-Paul Gaultier sur ses collections jusqu'en 1988, année où il fonde sa propre société, la Maison Margiela. Sa collection du printemps-été 1989, présentée au Café de la Gare, est déjà caractéristique de sa manière: coutures apparentes, ourlets coupés à vif, rubans d'attache, coudes et genoux pincés.
En 1990, il choisit un terrain vague du XXe arrondissement de Paris pour faire défiler sa collection d’été, manifestant ainsi sa volonté de rompre avec les lieux traditionnels des défilés. Sa collection d’automne-hiver 1990-1991 se déroule dans un entrepôt de la SNCF et celle du printemps-été 1991 dans un garage désaffecté. Plus tard, il utilisera les couloirs du métro Strasbourg Saint-Denis ou encore les locaux de l'Armée du Salut, présentant des tenues recomposées à base de vêtements trouvés aux Puces. Assistant de Jean-Paul Gaultier de 1984 à 1987, il crée également la société Neuf avec son associée Jenny Meirens et lance sa première collection femme en 1988.
Margiela cultive l’anonymat et ne répond aux interviews que par écrit. “J'aime le non-fini comme j'ai toujours préféré la maquette à l'œuvre. Il y a une notion de liberté dans ce choix qui est très importante”, affirmait-il en 1997. Il est aussi le père du “work in progress”, processus où rien ne se perd, tout se transforme: des chaussettes de l'armée décousues et mises à plat sont assemblées en pull-over; un pantalon d'homme devient une jupe; une housse d'emballage en plastique se métamorphose en haut porté sur une robe... Martin Margiela s’est également fait remarquer au grand écran en créant les costumes du film “The Pillow Book” de Peter Greenaway. Depuis mars 1998, il exerce comme styliste du prêt-à-porter féminin de la maison Hermès.
Martin Margiela (né en1957), styliste
Né à Genk en 1957, Martin Margiela est diplômé de l’Académie des Beaux-Arts d’Anvers. Il fait partie des stylistes de mode du “groupe des six”. Collaborateur de Jean-Paul Gaultier en 1984, il le quitte pour fonder sa propre société, la Maison Margiela, en 1988. Considéré comme un designer “intellectuel”, artiste discret, minimaliste et anticonformiste, Martin Margiela ne cesse de surprendre tant par sa conception du “work in progress” et ses récupérations de vêtements que par son goût du non-fini et par le choix d’endroits insolites pour présenter ses collections.
Martin Margiela entre à 17 ans à l' Académie des Beaux-Arts d'Anvers. Il multiplie les expériences, s'associant à d'autres créateurs tels que ceux du “groupe des six” (dont les autres membres sont Ann Demeulemeester, Dries Van Noten, Dirk Bikkembergs, Dirk Van Saene et Walter Van Beirendonck), travaillant comme styliste à Milan puis styliste de mode pour des magazines, collaborant enfin avec Jean-Paul Gaultier sur ses collections jusqu'en 1988, année où il fonde sa propre société, la Maison Margiela. Sa collection du printemps-été 1989, présentée au Café de la Gare, est déjà caractéristique de sa manière: coutures apparentes, ourlets coupés à vif, rubans d'attache, coudes et genoux pincés.
En 1990, il choisit un terrain vague du XXe arrondissement de Paris pour faire défiler sa collection d’été, manifestant ainsi sa volonté de rompre avec les lieux traditionnels des défilés. Sa collection d’automne-hiver 1990-1991 se déroule dans un entrepôt de la SNCF et celle du printemps-été 1991 dans un garage désaffecté. Plus tard, il utilisera les couloirs du métro Strasbourg Saint-Denis ou encore les locaux de l'Armée du Salut, présentant des tenues recomposées à base de vêtements trouvés aux Puces. Assistant de Jean-Paul Gaultier de 1984 à 1987, il crée également la société Neuf avec son associée Jenny Meirens et lance sa première collection femme en 1988.
Margiela cultive l’anonymat et ne répond aux interviews que par écrit. “J'aime le non-fini comme j'ai toujours préféré la maquette à l'œuvre. Il y a une notion de liberté dans ce choix qui est très importante”, affirmait-il en 1997. Il est aussi le père du “work in progress”, processus où rien ne se perd, tout se transforme: des chaussettes de l'armée décousues et mises à plat sont assemblées en pull-over; un pantalon d'homme devient une jupe; une housse d'emballage en plastique se métamorphose en haut porté sur une robe... Martin Margiela s’est également fait remarquer au grand écran en créant les costumes du film “The Pillow Book” de Peter Greenaway. Depuis mars 1998, il exerce comme styliste du prêt-à-porter féminin de la maison Hermès.
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biography 01
maroni, 00:13h
http://www.vam.ac.uk/vastatic/microsites/rad_fash/html/designers/26.html
Martin Margiela was born in Belgium in 1959. He studied at the Royal Academy of Fine Arts in Antwerp, and is closely associated with the deconstructionist fashion movement of the 1980s. Margiela's work is characterised by a poetic appreciation of imperfection, personality and eccentricity. His collections have been presented on tube platforms and street corners. He says 'My main inspiration has always has been the extremities and changes of daily life.'
Martin Margiela was born in Belgium in 1959. He studied at the Royal Academy of Fine Arts in Antwerp, and is closely associated with the deconstructionist fashion movement of the 1980s. Margiela's work is characterised by a poetic appreciation of imperfection, personality and eccentricity. His collections have been presented on tube platforms and street corners. He says 'My main inspiration has always has been the extremities and changes of daily life.'
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der unsichtbare
maroni, 00:08h
http://www.zeit.de/archiv/1998/13/unsichtbar.txt.19980319.xml
© DIE ZEIT 1998
Der Belgier Martin Margiela ist die Frischzellenkur der Mode. Darauf hofft das Pariser Traditionshaus Hermés, das mit dem Vierzigjährigen auf einen exzentrischen Designer setzt
Der Unsichtbare
Daß ausgerechnet Margiela von Hermés als Designer nach Paris berufen wurde, ist eine Überraschung für die Modewelt. Hermés steht für Luxus und bourgeoisen Lebensstil. Zwanzig Zeichner sind beispielsweise allein damit beschäftigt, immer neue Motive für die bekannten Seidentücher zu finden. Und es dauert Monate, bis Firmenchef Jean-Louis Dumas-Hermés die Farben für seine edlen Produkte endgültig ausgewählt hat. Margiela dagegen, der an der Royal Academy of Art in Antwerpen studiert hat, ist bekannt für seine wilden Kreationen, die ganz bewußt wie falsch genäht aussehen, Proportionen auf den Kopf stellen und das Innen nach außen kehren. Margielas erste Kollektion im Sommer 1989 zeigte eine Ästhetik, die er für eine Zeit nach dem Dritten Weltkrieg entworfen hat. Die meisten Kleider waren weiß, abgerissen und schockierten das Publikum. Martin Margiela ist ein postmoderner Modemacher und ein Dekonstruktivist. Er zerlegt Kleidung, um sie neu zusammenzusetzen, kopiert echte Klassiker, die er zu dem idealtypischen Mantel, dem idealtypischen Rock erhebt und mit seinem namenlosen Logo kennzeichnet. Das ZEITmagazin hat den eigenwilligen Modemacher befragt - ganz postmodern natürlich per Fax, denn normale Interviews gibt der Designer nicht. Das Ergebnis ist ein ungewöhnliches ¯Gespräch«, bei dem einige Fragen offenbleiben und manche Antworten gleich doppelt gegeben werden.
ZEITmagazin:. Warum bleiben Sie unsichtbar? Es gibt fast überhaupt keine Photos von und Interviews mit Ihnen.
Martin Margiela: Wir werben für unsere Produkte eben nicht mit meinem Bild. Wenn wir die Menschen berühren können und sie anziehen möchten, was wir anbieten, können sie es einfach kaufen und tragen. Dieser Prozeß hat meiner Ansicht nach wenig damit zu tun, wie ich nun aussehe. Wir ziehen es vor, wenn die Leute ihren Geschmack und ihren persönlichen Stil über unsere Kleider entscheiden lassen und nicht ihr Bild von der Person oder Gruppe, die diese Sachen entworfen haben. Ein Bild, das von der Presse geschaffen und gehypt wird. Im Gegensatz zu Schauspielern und Sängern brauchen wir meine physische Gestalt nicht, um unsere Arbeit zum Ausdruck zu bringen.
ZM: Kann Mode wirklich so eigenständig sein, daß sie ohne die Person/das Gesicht/das Image des Designers auskommt?
Margiela: Das hoffen wir! Wir fällen keine Urteile über die Arbeit anderer. Wir glauben nicht, daß es da "Einheitsgrößen" gibt. Was dem einen paßt, ist deshalb noch nicht das Richtige für den anderen - und so muß es auch sein. Wir versuchen einfach, unsere Arbeit so zu vermitteln, wie es unserem Gefühl entspricht.
Wir ziehen es vor, wenn die Leute ihren Geschmack und ihren persönlichen Stil über unsere Kleider entscheiden lassen und nicht ihr Bild von der Person oder Gruppe, die diese Sachen entworfen hat. Ein Bild, das von der Presse geschaffen und gepusht wird. Im Gegensatz zu Schauspielern und Sängern brauchen wir meine physische Gestalt nicht, um unsere Arbeit zum Ausdruck zu bringen.
ZM: Wie definieren Sie Mode?
Margiela: Eine individuelle Reaktion auf Vorschläge und kulturelle Veränderungen.
ZM: Was sollte Mode sein? Was sollte sie auf jeden Fall erreichen?
Margiela: Leichtigkeit, Freiheit und Selbsterkenntnis.
ZM: Wie frei ist das Wesen "Mode" heute?
Margiela: So frei wie die, die es unbedingt definieren müssen.
ZM: a) Wie stark ist Mode durch Konventionen eingeschränkt? b) Gibt es Grenzen, die Sie gerne sprengen würden?
Margiela: a) Nicht Konventionen schränken ein, sondern unsere Reaktionen auf sie. b) die Grenze, die besagt, daß Mode beim Designer endet.
ZM: Was ist schlechter Geschmack?
Margiela: Eine vage Idee.
ZM: Welche Art Kleidung mögen Sie am liebsten?
Margiela: Kleidung, die den Ansprüchen gerecht wird, sei es denen des Trägers oder des Schöpfers.
ZM: Welchen Einfluß sollte Mode auf das Alltagsleben haben?
Margiela: Kommt auf das Leben an! Man könnte sagen, Mode sollte gleichzeitig neben vielen oder allen anderen schöpferischen Reizen des Lebens bestehen.
ZM: Welche ist Ihre Lieblingsfarbe? Warum?
Margiela: ...
ZM: a) Ihre Kleider sind schick, puritanisch und ein bißchen wild? b) Hat das etwas mit Ihrer Weltanschauung zu tun? c) Finden Sie das Leben hart?
Margiela: a) Die Interpretation unserer Arbeit überlassen wir lieber anderen.
b) ...
c) ...
ZM: Wie werden Sie Ihre Vorstellungen von Mode bei Hermés einführen?
Margiela: Wir sehen nicht die Notwendigkeit, "Vorstellungen von Mode" einzuführen. Wir erkunden lieber das gewisse Gefühl von Sensibilität, das an die Tradition von Qualität und Handwerkskunst gebunden ist und das auf die Bedürfnisse der Hermés-Kunden eingeht, wie sie über die Jahre bei Hermés verstanden worden sind.
ZM: Wie werden Sie mit den Stoffen umgehen, für die Hermés berühmt ist?
Margiela: Täglich.
ZM: Würden Sie sich als einen intellektuellen oder visuellen Designer bezeichnen?
Margiela: Wir glauben nicht, daß sich diese Ansätze gegenseitig ausschließen.
ZM: Was ist Ihre Philosphie des Luxus?
Margiela: Eben daß es eine ist.
ZM: Wie wichtig sind Logos?
Margiela: Für manche: sehr; für viele: ziemlich; für andere: überhaupt nicht.
ZM: Ist Modedesign die wichtigste Designart?
Margiela: Es existiert in Harmonie mit allen anderen Bereichen des Designs.
ZM: Was hat Mode mit Sex zu tun?
Margiela: a) Was die Sinnlichkeit angeht: einiges. b) Was die Fortpflanzung angeht: wenig, das uns bekannt wäre!
ZM: a) Betrachten wir Mode mal als ein wildes, freies Wesen - was würden Sie dazu sagen? b) Wovon ernährt sich Mode? c) Wo sind ihre Vorfahren? d) Wie fühlt sie sich heute?
Margiela: a) ?, b) Von der Hochzeit von Phantasie und Nutzen.
c) Wissen wir nicht, fragen Sie doch die Mode!
d) ...
ZM: Glauben Sie an die Möglichkeit, in der Mode etwas wirklich Neues zu kreieren?
Margiela: Etwas Neues: hoffentlich. Persönlich: immer.
ZM: Wohin geht die Mode in Zukunft?
Margiela: Weiter.
ZM: Kommen Sie sich vor wie frisches Blut für das alte Wesen "Mode"?
Margiela: Blut fühlt sich nie "frisch" an, es fühlt sich einfach nur an wie dein "eigenes".
ZM: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Menschen treffen, die Ihre Mode tragen?
Margiela: Daß sie ein Stück tragen, das wir im Einklang mit ihrer "Mode" entworfen haben.
ZM: Und wenn die Person dick und häßlich ist?
Margiela: Daß sie ein Stück tragen, daß wir im Einklang mit ihrer "Mode" entworfen haben.
ZM: Bevorzugen Sie nackte oder bekleidete Menschen? b) Kleider auf Bügeln oder an Personen?
Margiela: a) Wir glauben nicht, daß dies eine Frage von entweder/oder ist, sondern eine Frage des Kontexts! b) Kleider werden entworfen, damit man sie trägt. Es kann jedoch spannend sein, wenn man sieht, wie sie am Körper wirken, nachdem sie zunächst auf einem Bügel als eigenes Teil wahrgenommen und verstanden worden sind.
© DIE ZEIT 1998
Der Belgier Martin Margiela ist die Frischzellenkur der Mode. Darauf hofft das Pariser Traditionshaus Hermés, das mit dem Vierzigjährigen auf einen exzentrischen Designer setzt
Der Unsichtbare
Daß ausgerechnet Margiela von Hermés als Designer nach Paris berufen wurde, ist eine Überraschung für die Modewelt. Hermés steht für Luxus und bourgeoisen Lebensstil. Zwanzig Zeichner sind beispielsweise allein damit beschäftigt, immer neue Motive für die bekannten Seidentücher zu finden. Und es dauert Monate, bis Firmenchef Jean-Louis Dumas-Hermés die Farben für seine edlen Produkte endgültig ausgewählt hat. Margiela dagegen, der an der Royal Academy of Art in Antwerpen studiert hat, ist bekannt für seine wilden Kreationen, die ganz bewußt wie falsch genäht aussehen, Proportionen auf den Kopf stellen und das Innen nach außen kehren. Margielas erste Kollektion im Sommer 1989 zeigte eine Ästhetik, die er für eine Zeit nach dem Dritten Weltkrieg entworfen hat. Die meisten Kleider waren weiß, abgerissen und schockierten das Publikum. Martin Margiela ist ein postmoderner Modemacher und ein Dekonstruktivist. Er zerlegt Kleidung, um sie neu zusammenzusetzen, kopiert echte Klassiker, die er zu dem idealtypischen Mantel, dem idealtypischen Rock erhebt und mit seinem namenlosen Logo kennzeichnet. Das ZEITmagazin hat den eigenwilligen Modemacher befragt - ganz postmodern natürlich per Fax, denn normale Interviews gibt der Designer nicht. Das Ergebnis ist ein ungewöhnliches ¯Gespräch«, bei dem einige Fragen offenbleiben und manche Antworten gleich doppelt gegeben werden.
ZEITmagazin:. Warum bleiben Sie unsichtbar? Es gibt fast überhaupt keine Photos von und Interviews mit Ihnen.
Martin Margiela: Wir werben für unsere Produkte eben nicht mit meinem Bild. Wenn wir die Menschen berühren können und sie anziehen möchten, was wir anbieten, können sie es einfach kaufen und tragen. Dieser Prozeß hat meiner Ansicht nach wenig damit zu tun, wie ich nun aussehe. Wir ziehen es vor, wenn die Leute ihren Geschmack und ihren persönlichen Stil über unsere Kleider entscheiden lassen und nicht ihr Bild von der Person oder Gruppe, die diese Sachen entworfen haben. Ein Bild, das von der Presse geschaffen und gehypt wird. Im Gegensatz zu Schauspielern und Sängern brauchen wir meine physische Gestalt nicht, um unsere Arbeit zum Ausdruck zu bringen.
ZM: Kann Mode wirklich so eigenständig sein, daß sie ohne die Person/das Gesicht/das Image des Designers auskommt?
Margiela: Das hoffen wir! Wir fällen keine Urteile über die Arbeit anderer. Wir glauben nicht, daß es da "Einheitsgrößen" gibt. Was dem einen paßt, ist deshalb noch nicht das Richtige für den anderen - und so muß es auch sein. Wir versuchen einfach, unsere Arbeit so zu vermitteln, wie es unserem Gefühl entspricht.
Wir ziehen es vor, wenn die Leute ihren Geschmack und ihren persönlichen Stil über unsere Kleider entscheiden lassen und nicht ihr Bild von der Person oder Gruppe, die diese Sachen entworfen hat. Ein Bild, das von der Presse geschaffen und gepusht wird. Im Gegensatz zu Schauspielern und Sängern brauchen wir meine physische Gestalt nicht, um unsere Arbeit zum Ausdruck zu bringen.
ZM: Wie definieren Sie Mode?
Margiela: Eine individuelle Reaktion auf Vorschläge und kulturelle Veränderungen.
ZM: Was sollte Mode sein? Was sollte sie auf jeden Fall erreichen?
Margiela: Leichtigkeit, Freiheit und Selbsterkenntnis.
ZM: Wie frei ist das Wesen "Mode" heute?
Margiela: So frei wie die, die es unbedingt definieren müssen.
ZM: a) Wie stark ist Mode durch Konventionen eingeschränkt? b) Gibt es Grenzen, die Sie gerne sprengen würden?
Margiela: a) Nicht Konventionen schränken ein, sondern unsere Reaktionen auf sie. b) die Grenze, die besagt, daß Mode beim Designer endet.
ZM: Was ist schlechter Geschmack?
Margiela: Eine vage Idee.
ZM: Welche Art Kleidung mögen Sie am liebsten?
Margiela: Kleidung, die den Ansprüchen gerecht wird, sei es denen des Trägers oder des Schöpfers.
ZM: Welchen Einfluß sollte Mode auf das Alltagsleben haben?
Margiela: Kommt auf das Leben an! Man könnte sagen, Mode sollte gleichzeitig neben vielen oder allen anderen schöpferischen Reizen des Lebens bestehen.
ZM: Welche ist Ihre Lieblingsfarbe? Warum?
Margiela: ...
ZM: a) Ihre Kleider sind schick, puritanisch und ein bißchen wild? b) Hat das etwas mit Ihrer Weltanschauung zu tun? c) Finden Sie das Leben hart?
Margiela: a) Die Interpretation unserer Arbeit überlassen wir lieber anderen.
b) ...
c) ...
ZM: Wie werden Sie Ihre Vorstellungen von Mode bei Hermés einführen?
Margiela: Wir sehen nicht die Notwendigkeit, "Vorstellungen von Mode" einzuführen. Wir erkunden lieber das gewisse Gefühl von Sensibilität, das an die Tradition von Qualität und Handwerkskunst gebunden ist und das auf die Bedürfnisse der Hermés-Kunden eingeht, wie sie über die Jahre bei Hermés verstanden worden sind.
ZM: Wie werden Sie mit den Stoffen umgehen, für die Hermés berühmt ist?
Margiela: Täglich.
ZM: Würden Sie sich als einen intellektuellen oder visuellen Designer bezeichnen?
Margiela: Wir glauben nicht, daß sich diese Ansätze gegenseitig ausschließen.
ZM: Was ist Ihre Philosphie des Luxus?
Margiela: Eben daß es eine ist.
ZM: Wie wichtig sind Logos?
Margiela: Für manche: sehr; für viele: ziemlich; für andere: überhaupt nicht.
ZM: Ist Modedesign die wichtigste Designart?
Margiela: Es existiert in Harmonie mit allen anderen Bereichen des Designs.
ZM: Was hat Mode mit Sex zu tun?
Margiela: a) Was die Sinnlichkeit angeht: einiges. b) Was die Fortpflanzung angeht: wenig, das uns bekannt wäre!
ZM: a) Betrachten wir Mode mal als ein wildes, freies Wesen - was würden Sie dazu sagen? b) Wovon ernährt sich Mode? c) Wo sind ihre Vorfahren? d) Wie fühlt sie sich heute?
Margiela: a) ?, b) Von der Hochzeit von Phantasie und Nutzen.
c) Wissen wir nicht, fragen Sie doch die Mode!
d) ...
ZM: Glauben Sie an die Möglichkeit, in der Mode etwas wirklich Neues zu kreieren?
Margiela: Etwas Neues: hoffentlich. Persönlich: immer.
ZM: Wohin geht die Mode in Zukunft?
Margiela: Weiter.
ZM: Kommen Sie sich vor wie frisches Blut für das alte Wesen "Mode"?
Margiela: Blut fühlt sich nie "frisch" an, es fühlt sich einfach nur an wie dein "eigenes".
ZM: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Menschen treffen, die Ihre Mode tragen?
Margiela: Daß sie ein Stück tragen, das wir im Einklang mit ihrer "Mode" entworfen haben.
ZM: Und wenn die Person dick und häßlich ist?
Margiela: Daß sie ein Stück tragen, daß wir im Einklang mit ihrer "Mode" entworfen haben.
ZM: Bevorzugen Sie nackte oder bekleidete Menschen? b) Kleider auf Bügeln oder an Personen?
Margiela: a) Wir glauben nicht, daß dies eine Frage von entweder/oder ist, sondern eine Frage des Kontexts! b) Kleider werden entworfen, damit man sie trägt. Es kann jedoch spannend sein, wenn man sieht, wie sie am Körper wirken, nachdem sie zunächst auf einem Bügel als eigenes Teil wahrgenommen und verstanden worden sind.
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namenlose sichtbarkeit
maroni, 00:05h
http://nurtext.zeit.de/leben/mode/mode-10-margiela
Die Mode Martin Margielas fällt durch Weglassen auf: keine Farbe, kein Logo, kein Markenname. Nicht einmal der Designer selbst ist häufig zu sehen. Das aber macht sein Label umso erfolgreicher.
Von Katrin Kruse
Wenn es einen Designer gibt, der die Theoriebildung beflügelt, dann ist es der Belgier Martin Margiela. Es fängt damit an, dass es eigentlich heißen muss: Maison Martin Margiela - denn Martin Margiela taucht als Designerpersönlichkeit gar nicht auf. Interviews gibt der 1956 geborene Belgier, der 1988 sein Modehaus gründete, wenn überhaupt nur per Fax. Am Schluss seiner Schauen verbeugt er sich nicht. Und als Martin Margiela in diesem Jahr auf der größten europäischen Herrenmodemesse eingeladen war, der Pitti Immagine Uomo in Florenz, hat er nicht wie andere Designer einfach eine Modenschau gemacht. Stattdessen war das ganze Messegelände mit Zeichen in der charakteristischen Farbe des Hauses überzogen: mit weißen Fahnen, weißen Fotoautomaten sowie weißgekleideten Verkäufern, die weiße Candyblumen verkauften. Nur Margiela selbst wurde nicht gesehen. Womöglich hätte ihn auch niemand erkannt. Martin Margiela macht sichtbar, wie ein Kleid geschneidert ist - in diesem Fall spielerisch mit Nieten auf nackter Haut© Jonathan Hallam/Maison Martin Margiela
Anders ist es mit dem Margiela-Träger. Man erkennt ihn sofort an den vier schräggestellten weißen Heftstichen, mit denen das Label angebracht ist. Es ist ein weißes, namenloses Schild, einzig Zahlen stehen darauf. Das erste theoretische Vergnügen in der Beschäftigung mit Martin Margiela liegt in dem Paradox, dass die Abwesenheit des Designers und die Abwesenheit des Designernamens zu einer ungeheuren Sichtbarkeit des Labels führt. Das zweite Vergnügen bezieht sich auf Margielas Arbeit selbst. Dekonstruktion hat man sein Verfahren genannt, Kleidungsstücke auseinander zu nehmen und neu zusammenzusetzen, die Nähte dabei aber nach außen zu wenden. Margiela machte aus Hosen Röcke, aus Handschuhen Oberteile. Heute sind die offenen Kanten auch im mittleren Marktsegment angekommen. Als Margiela in den späten Achtzigern damit begann, galt vor allem eines als spektakulär: Er machte sichtbar, was in der Mode bisher verborgen geblieben war - ihr Konstruktionscharakter. Noch die Kollektion für den kommenden Winter zeichnet mit Nieten die Nähte nach. Für die Röcke verwendet Margiela Polsterstoffe. Dazu wurde ein T-Shirt getragen, auf dem ein mit jenem Stoff bezogener Sessel gedruckt war.
Martin Margiela studierte an der Antwerpener Königlichen Akademie der Schönen Künste. Gemeinsam mit unter Dries van Noten, Ann Demeulemeester und anderen gehörte er zum Kreis der Antwerp Six, einer Generation von Modemachern, die den Ruf der Belgier als Konzeptionalisten begründeten. Von 1984 bis 1987 war Margiela Assistent von Jean-Paul Gaultier, von 1998 an Chefdesigner bei Hermès - wo ihn später Jean-Paul Gaultier ablöste. Seit vier Jahren gehört das vormals unabhängige Maison Martin Margiela der Diesel-Gruppe an. In der nächsten Saison wird Margiela - entgegen aller Tendenzen - zusätzlich zur Prêt-à-Porter auf den Pariser Haute Couture-Schauen zeigen. Auch dort wird wohl gelten, was er in einem der raren Fax-Interviews als Grundlinien seiner Mode skizziert hat: Frage: "Was ist schlechter Geschmack?" "Eine vage Idee." Frage: "Was ist Ihre Philosophie des Luxus?" "Eben dass es eine ist." Und die lässt sich Margiela wirklich nicht nehmen.
Die Mode Martin Margielas fällt durch Weglassen auf: keine Farbe, kein Logo, kein Markenname. Nicht einmal der Designer selbst ist häufig zu sehen. Das aber macht sein Label umso erfolgreicher.
Von Katrin Kruse
Wenn es einen Designer gibt, der die Theoriebildung beflügelt, dann ist es der Belgier Martin Margiela. Es fängt damit an, dass es eigentlich heißen muss: Maison Martin Margiela - denn Martin Margiela taucht als Designerpersönlichkeit gar nicht auf. Interviews gibt der 1956 geborene Belgier, der 1988 sein Modehaus gründete, wenn überhaupt nur per Fax. Am Schluss seiner Schauen verbeugt er sich nicht. Und als Martin Margiela in diesem Jahr auf der größten europäischen Herrenmodemesse eingeladen war, der Pitti Immagine Uomo in Florenz, hat er nicht wie andere Designer einfach eine Modenschau gemacht. Stattdessen war das ganze Messegelände mit Zeichen in der charakteristischen Farbe des Hauses überzogen: mit weißen Fahnen, weißen Fotoautomaten sowie weißgekleideten Verkäufern, die weiße Candyblumen verkauften. Nur Margiela selbst wurde nicht gesehen. Womöglich hätte ihn auch niemand erkannt. Martin Margiela macht sichtbar, wie ein Kleid geschneidert ist - in diesem Fall spielerisch mit Nieten auf nackter Haut© Jonathan Hallam/Maison Martin Margiela
Anders ist es mit dem Margiela-Träger. Man erkennt ihn sofort an den vier schräggestellten weißen Heftstichen, mit denen das Label angebracht ist. Es ist ein weißes, namenloses Schild, einzig Zahlen stehen darauf. Das erste theoretische Vergnügen in der Beschäftigung mit Martin Margiela liegt in dem Paradox, dass die Abwesenheit des Designers und die Abwesenheit des Designernamens zu einer ungeheuren Sichtbarkeit des Labels führt. Das zweite Vergnügen bezieht sich auf Margielas Arbeit selbst. Dekonstruktion hat man sein Verfahren genannt, Kleidungsstücke auseinander zu nehmen und neu zusammenzusetzen, die Nähte dabei aber nach außen zu wenden. Margiela machte aus Hosen Röcke, aus Handschuhen Oberteile. Heute sind die offenen Kanten auch im mittleren Marktsegment angekommen. Als Margiela in den späten Achtzigern damit begann, galt vor allem eines als spektakulär: Er machte sichtbar, was in der Mode bisher verborgen geblieben war - ihr Konstruktionscharakter. Noch die Kollektion für den kommenden Winter zeichnet mit Nieten die Nähte nach. Für die Röcke verwendet Margiela Polsterstoffe. Dazu wurde ein T-Shirt getragen, auf dem ein mit jenem Stoff bezogener Sessel gedruckt war.
Martin Margiela studierte an der Antwerpener Königlichen Akademie der Schönen Künste. Gemeinsam mit unter Dries van Noten, Ann Demeulemeester und anderen gehörte er zum Kreis der Antwerp Six, einer Generation von Modemachern, die den Ruf der Belgier als Konzeptionalisten begründeten. Von 1984 bis 1987 war Margiela Assistent von Jean-Paul Gaultier, von 1998 an Chefdesigner bei Hermès - wo ihn später Jean-Paul Gaultier ablöste. Seit vier Jahren gehört das vormals unabhängige Maison Martin Margiela der Diesel-Gruppe an. In der nächsten Saison wird Margiela - entgegen aller Tendenzen - zusätzlich zur Prêt-à-Porter auf den Pariser Haute Couture-Schauen zeigen. Auch dort wird wohl gelten, was er in einem der raren Fax-Interviews als Grundlinien seiner Mode skizziert hat: Frage: "Was ist schlechter Geschmack?" "Eine vage Idee." Frage: "Was ist Ihre Philosophie des Luxus?" "Eben dass es eine ist." Und die lässt sich Margiela wirklich nicht nehmen.
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