Montag, 21. Mai 2007
X wie Mister X
maroni, 00:20h
http://www.neon.de/kat/kaufen/mode/159267.html
Neon Magazin-Text [Mode] Ausgabe [Oktober 2006] von ingo_mocek
Martin Margiela ist das Phantom der Mode: Kein Foto und kein wirkliches Interview gibt es vom Belgier. NEON heftete sich in Florenz an seine Fersen.
»Wie? Sie haben ihn wirklich nicht gesehen? Aber er war doch gerade noch hier!« Ich stehe im riesigen Messesaal der Fortezza da Basso in Florenz, dem Austragungsort der wichtigsten Herrenmodemesse Europas, und lasse mich von einem Floristen anbrüllen. Jetzt lacht Mario Silicato. Es klingt wie mein Handy. Der Mann mit den gewirbelten Locken, dem gemütlichen Bauch, trägt einen weißen Kittel. Verkauft Rosen. Verschenkt Ballons. Ich suche Martin Margiela, den einzigen Modeschöpfer, von dem es kein Bild gibt, kein Foto, nirgends. Aber hier muss er sein, auf der Messe, der »Pitti Immagine Uomo 69« – schließlich ist die Firma des Designers das Flaggschiff der Saison.
Viele Stände, ganz in der Margielafarbe Weiß, wurden von Angestellten der »Maison Martin Margiela« entworfen. Die Blumen des Herrn Silicato sind weiß, wie auch sein dummer Ballon. Den gebe ich ihm jetzt zurück. Schweiß steht auf meiner Stirn. »Ich will ihn nicht!« Damit mich der dicke Italiener überhaupt versteht, brülle ich – so viele laute Vertreter von Modekaufhäusern und -boutiquen rempeln hier herum, begutachten die Ware, rechnen aus, schätzen ab. Plötzlich deutet Herr Silicato mit einem riesigen weißen Schirm auf eine Frau, die eine Übergrößenbluse ohne BH trägt. »Da hinten! Das ist Margiela! Beeilen Sie sich!« Ich rase in die Richtung, an weißen Kunstblumensträußen, weißen Passbildautomaten, ja, sogar einem weißen Kettenkarrussel vorbei. Langsam wird mir schwindelig.
Seit gestern bin ich auf der »Pitti«. Margielas Pressesprecherin hat bestätigt, dass der Meister selbst zugegen ist, gestern noch, am Telefon. Der Messedirektor in seinem Cecil-Beaton-Abendpullover hat ausgesehen wie ein Hahn, heute morgen, als er mit stolzgeschwellter Brust in seiner Eröffnungsrede erklärte, er habe bereits mit Herrn Margiela gespeist. Aber war das mehr als ein nervöser Witz? Es wäre eine Sensation, Margiela zu begegnen, von Angesicht zu Angesicht; wenig weiß die Welt von ihm. 1959 wird er in Belgien geboren. 1988 eröffnet er sein erstes Geschäft in Paris. 1992 feiert er mit einer Schau in einem Depot der dortigen Heilsarmee seinen Durchbruch als Modeschöpfer – mit saumlosen Kleidern aus verfilzter Wolle, mit Sweatern aus Armeesocken, mit Patchwork-Jeans aus auseinandergeschnittenem und wieder zusammengesetztem Material. Inspiriert wird er von der Kleidung des Nirvana-Sängers Kurt Cobain, der seine Sweatshirts mit der Innenseite nach außen trug. Margiela verwandelt die Noten Nirvanas in Kleider, seine Schnitttechniken legt er demonstrativ offen. In den folgenden Jahren zeigt er auf Modenschauen leere Kleiderständer, von Bakterien zerfressene T-Shirts und explodierende Farbbeutel. Margiela bleibt lange Zeit selbstständig, arbeitet aber nebenher als Couturier fürHermès. Um die Jahrtausendwende wird es still um ihn. Bis 2002. Da tritt Renzo Rosso auf die Bildfläche. Der Gründer und Besitzer des Diesel-Konzerns, der im Jahr über eine Milliarde Euro umsetzt, ist ebenfalls ein Pionier der Gebrauchtmode. Der Sohn eines Bauern rubbelte in den 70ern Jeansentwürfe mit Steinen ab, um sie gebraucht aussehen zu lassen. Woche für Woche fuhr er mit seinem Ford Transit durch Europa, um sie zu verkaufen. Rosso ist ein Marketinggenie: In den letzten Jahren halbierte er die Zahl seiner Verkaufsstellen und vervierfachte den Preis für eine Jeans. Außerdem nahm er neben Vivienne Westwood und der Marke DSquared auch Margiela unter seine Fittiche – und verpasste dem kleinen Kollektiv, das lange Jahre mit sehr, sehr wenigen Computern arbeitete, ein Vertriebsnetz, eine Infrastruktur, eine gewaltige Injektion Geld. Nun sollen Kunden gemehrt, Absätze gesteigert werden – das Wunder der Geldvermehrung soll sich auch auf Martin Margiela übertragen. Dessen »einfachere« Kollektion, erkennbar an vier weißen Fäden im logofreien Etikett, hängt mittlerweile selbst in Deutschland in knapp 20 Bekleidungsgeschäften; in den nächsten Jahren soll sich die Zahl verdoppeln.
Am Abend zeigt Margiela in Florenz etwas, das er sonst sehr selten zeigt: eine Modenschau mit echten Models. Wie aber könnte sich der Schöpfer sein eigenes Spektakel entgehen lassen? Er muss also hier sein – nicht erst abends. Jetzt. Wieder höre ich das Lachen des Floristen. Diesmal ist es aber wirklich mein Handy: Ein Anruf von Samantha Garrett, Margielas Pressesprecherin. Sie redet mit mir wie mit einem Hund. »Hurry up, Ingo!« Ich soll sofort zu ihr kommen. Er ist jetzt da, er möchte mich sprechen. Noch nie gab der Meister ein Interview. Entgeistert gleite ich fast zu Boden.
In einem kleinen, jedoch sehr hellen Raum werde ich meiner Sinne wieder Herr. Vor mir sitzt ein Mann, dessen Gesicht der exakten Vergrößerung eines Überraschungseis gleicht. »Guten Tag«, sagt das Ei. »Ich bin Patrick Scallon, Art Communications und Creative Director in der Maison Martin Margiela.« Interessant. Aber wo ist ER? »Geht es Ihnen gut?« Das Überraschungsei schmunzelt. »Sehen Sie?« Das Ei nestelt an seinem Halstuch herum. »Es ist nicht alles weiß, was wir machen. Nehmen Sie nur dieses Tuch, dieser Ton, das ist ecru, ein dunkleres weiß.« Was redet der Mann? Aber natürlich: Er ist mit allen Wassern gewaschen. Er will mich weichkochen. Nun heißt es: Klarstellen, was Sache ist. Ich springe auf. »WO IST MARGIELA?« sage ich laut. »Sie haben gesagt, ich könnte ihn treffen.« Scallon bleibt ganz ruhig. »Meinen Sie im Ernst, er gäbe sich für Sie zu erkennen?« Mist. Hier komme ich nicht weiter. »Gibt es Martin Margiela überhaupt?« »Was meinen Sie, wer meinen Flug zu dieser Messe bezahlt hat?« Scallons Gegenfrage hat etwas sphinxhaftes. Auch sonst scheint das Ei, das vor seiner Anstellung bei Margiela als Redenschreiber in Brüssel gearbeitet hat, sehr schlagfertig, sehr intelligent. Ich muss Zeit gewinnen. Vielleicht kommt der Meister ja gleich rein, einfach so. Oder er klingelt mal durch. Ob Margiela, dessen Kleider in Museen ausgestellt werden, in Wirklichkeit ein Künstler sei, ein Rauschenberg, ein Beuys, frage ich.
Ob der Verzicht auf Label und Gesicht ein Beitrag zur Mode der Zeit sei, in der sich jeder Designer mit seinem Namen auf zwölf verschiedenen Parfümflakons abbilden lässt. Patrick Scallon verneint all diese Fragen. Margiela reagiere nicht, sondern schaffe seine eigene Welt, eine Welt aus Weiß und Ecru. »Das ist«, Patrick Scallon lächelt jetzt, »ein anderes, ein dunkleres Weiß.« Er wird jetzt richtig gesprächig. »Die neuen Kommunikationsmittel haben nicht dazu beigetragen, dass sich die Menschen näher kommen. Das Internet verstärkt die Angst, Informationen zu verpassen, nicht mehr dazuzugehören. Deshalb erleben wir in der Mode eine neue Sehnsucht nach Uniformität. Die Menschen wollen sich nicht mehr abgrenzen. Sie wollen dazugehören. Interessant, nicht wahr?« Ich trinke einen Schluck Wasser. Scallon schaut mich an. »Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe?« Habe ich. Aber jetzt gilt: Bloß nicht einlullen lassen vom jovialen Redenschreiber-Ei. Ich habe einen klaren Auftrag: Margiela. »Wenn Ihr Chef ein Tier wäre, was für ein Tier wäre er dann?« Das Ei schaut mich gelangweilt an. »Ein Biber.«
Die Modenschau am Abend ist eine riesige Party, auf der Models in Weiß und Ecru herumstehen. Eine kleine, rundliche Frau zieht mich in einen Gang und verschließt hinter uns die Tür. Aus ihrer Handtasche holt sie einen Schlauch, aus dem sie Luft inhaliert. »Hier, wenn Sie auch mal ziehen wollen?« Ich stecke den Schlauch in meinen Mund und hole tief Luft. Sofort überkommt mich ein starkes Glücksgefühl, während die Frau, die behauptet, Suzie zu heißen, mit dunkler Stimme auf mich einredet. »Margiela ist jetzt überall!« ruft die Frau und rudert wirr mit den Armen. »Vielleicht haben Sie ihn bereits entdeckt?« Dann lacht sie auf. Ihr Gesicht wird rot, und die Frau verschwindet im Gang. Unter dem Einfluss der Schlauchinhalation suche ich Martin Margiela die ganze Nacht hindurch in den Biegungen von Florenz. Als mir eine aufdringliche Klatschreporterin erzählt, Margiela sähe so aus wie Harrison Ford, verfolge ich mit dem Taxi etwa eine Stunde lang einen Mann, der aussieht wie Harrison Ford. Dann wird es mir zu dumm. Ich fahre in mein Hotelzimmer zurück, zornig, ermattet, ohne Erfolg.
Am nächsten Morgen treffe ich Renzo Rosso. Ich versuche, extrem nett zu sein – der Mann hat immerhin die Privatnummer vom Dalai Lama und die von Caroline von Monaco in seinem Handy. Vielleicht rückt er ja eine raus. Wir treffen uns in einem von Margielas Mitarbeitern gestalteten Café auf der »Pitti«. »Ah! Ein deutscher Journalist!« Renzo Rosso, der neben einer vier Meter langen Blondine sitzt, steht auf und umarmt mich wie einen Bruder. Er riecht nach Odol. »Sie haben zehn Minuten«, flüstert er mir mit starkem italienischem Akzent ins Ohr, als wir uns setzen. Die Blondine starrt mich an. Ich starre zurück. Ihr Starren ist stärker. »Margiela? Ob es ihn wirklich gibt?« Rosso lacht. Er redet mit mir, als würde er einem Schwerhörigen den Weg zu den Toiletten erklären. »Ich telefoniere jeden Tag mit ihm! Ganz bestimmt war er hier! Ich glaube, er ist kurz vor der Modenschau wieder gefahren! Wissen Sie was? Er hat sich als Blumen- und Ballonverkäufer betätigt, an seinem eigenen Stand! Witzig, nicht wahr? Ein Namensschild trug er auch, warten Sie, was stand drauf … « »Stopp!« Die Vier-Meter-Blondine steht auf und streckt mir ihre sichelförmige Hand entgegen. »Ihre Zeit ist abgelaufen! Vielen Dank für Ihr Interesse an Renzo Rosso.« »Aber … « Als ich etwas sagen will, streift sie mich mit einem Blick, der älter ist als sie, so alt wie alle Gespräche zwischen Menschen zusammen. Auf der Rückreise sind einige Wolken am Himmel weiß, andere in Ecru, einem dunkleren Weiß, gehalten. Und Martin Margiela ist überall.
Neon Magazin-Text [Mode] Ausgabe [Oktober 2006] von ingo_mocek
Martin Margiela ist das Phantom der Mode: Kein Foto und kein wirkliches Interview gibt es vom Belgier. NEON heftete sich in Florenz an seine Fersen.
»Wie? Sie haben ihn wirklich nicht gesehen? Aber er war doch gerade noch hier!« Ich stehe im riesigen Messesaal der Fortezza da Basso in Florenz, dem Austragungsort der wichtigsten Herrenmodemesse Europas, und lasse mich von einem Floristen anbrüllen. Jetzt lacht Mario Silicato. Es klingt wie mein Handy. Der Mann mit den gewirbelten Locken, dem gemütlichen Bauch, trägt einen weißen Kittel. Verkauft Rosen. Verschenkt Ballons. Ich suche Martin Margiela, den einzigen Modeschöpfer, von dem es kein Bild gibt, kein Foto, nirgends. Aber hier muss er sein, auf der Messe, der »Pitti Immagine Uomo 69« – schließlich ist die Firma des Designers das Flaggschiff der Saison.
Viele Stände, ganz in der Margielafarbe Weiß, wurden von Angestellten der »Maison Martin Margiela« entworfen. Die Blumen des Herrn Silicato sind weiß, wie auch sein dummer Ballon. Den gebe ich ihm jetzt zurück. Schweiß steht auf meiner Stirn. »Ich will ihn nicht!« Damit mich der dicke Italiener überhaupt versteht, brülle ich – so viele laute Vertreter von Modekaufhäusern und -boutiquen rempeln hier herum, begutachten die Ware, rechnen aus, schätzen ab. Plötzlich deutet Herr Silicato mit einem riesigen weißen Schirm auf eine Frau, die eine Übergrößenbluse ohne BH trägt. »Da hinten! Das ist Margiela! Beeilen Sie sich!« Ich rase in die Richtung, an weißen Kunstblumensträußen, weißen Passbildautomaten, ja, sogar einem weißen Kettenkarrussel vorbei. Langsam wird mir schwindelig.
Seit gestern bin ich auf der »Pitti«. Margielas Pressesprecherin hat bestätigt, dass der Meister selbst zugegen ist, gestern noch, am Telefon. Der Messedirektor in seinem Cecil-Beaton-Abendpullover hat ausgesehen wie ein Hahn, heute morgen, als er mit stolzgeschwellter Brust in seiner Eröffnungsrede erklärte, er habe bereits mit Herrn Margiela gespeist. Aber war das mehr als ein nervöser Witz? Es wäre eine Sensation, Margiela zu begegnen, von Angesicht zu Angesicht; wenig weiß die Welt von ihm. 1959 wird er in Belgien geboren. 1988 eröffnet er sein erstes Geschäft in Paris. 1992 feiert er mit einer Schau in einem Depot der dortigen Heilsarmee seinen Durchbruch als Modeschöpfer – mit saumlosen Kleidern aus verfilzter Wolle, mit Sweatern aus Armeesocken, mit Patchwork-Jeans aus auseinandergeschnittenem und wieder zusammengesetztem Material. Inspiriert wird er von der Kleidung des Nirvana-Sängers Kurt Cobain, der seine Sweatshirts mit der Innenseite nach außen trug. Margiela verwandelt die Noten Nirvanas in Kleider, seine Schnitttechniken legt er demonstrativ offen. In den folgenden Jahren zeigt er auf Modenschauen leere Kleiderständer, von Bakterien zerfressene T-Shirts und explodierende Farbbeutel. Margiela bleibt lange Zeit selbstständig, arbeitet aber nebenher als Couturier fürHermès. Um die Jahrtausendwende wird es still um ihn. Bis 2002. Da tritt Renzo Rosso auf die Bildfläche. Der Gründer und Besitzer des Diesel-Konzerns, der im Jahr über eine Milliarde Euro umsetzt, ist ebenfalls ein Pionier der Gebrauchtmode. Der Sohn eines Bauern rubbelte in den 70ern Jeansentwürfe mit Steinen ab, um sie gebraucht aussehen zu lassen. Woche für Woche fuhr er mit seinem Ford Transit durch Europa, um sie zu verkaufen. Rosso ist ein Marketinggenie: In den letzten Jahren halbierte er die Zahl seiner Verkaufsstellen und vervierfachte den Preis für eine Jeans. Außerdem nahm er neben Vivienne Westwood und der Marke DSquared auch Margiela unter seine Fittiche – und verpasste dem kleinen Kollektiv, das lange Jahre mit sehr, sehr wenigen Computern arbeitete, ein Vertriebsnetz, eine Infrastruktur, eine gewaltige Injektion Geld. Nun sollen Kunden gemehrt, Absätze gesteigert werden – das Wunder der Geldvermehrung soll sich auch auf Martin Margiela übertragen. Dessen »einfachere« Kollektion, erkennbar an vier weißen Fäden im logofreien Etikett, hängt mittlerweile selbst in Deutschland in knapp 20 Bekleidungsgeschäften; in den nächsten Jahren soll sich die Zahl verdoppeln.
Am Abend zeigt Margiela in Florenz etwas, das er sonst sehr selten zeigt: eine Modenschau mit echten Models. Wie aber könnte sich der Schöpfer sein eigenes Spektakel entgehen lassen? Er muss also hier sein – nicht erst abends. Jetzt. Wieder höre ich das Lachen des Floristen. Diesmal ist es aber wirklich mein Handy: Ein Anruf von Samantha Garrett, Margielas Pressesprecherin. Sie redet mit mir wie mit einem Hund. »Hurry up, Ingo!« Ich soll sofort zu ihr kommen. Er ist jetzt da, er möchte mich sprechen. Noch nie gab der Meister ein Interview. Entgeistert gleite ich fast zu Boden.
In einem kleinen, jedoch sehr hellen Raum werde ich meiner Sinne wieder Herr. Vor mir sitzt ein Mann, dessen Gesicht der exakten Vergrößerung eines Überraschungseis gleicht. »Guten Tag«, sagt das Ei. »Ich bin Patrick Scallon, Art Communications und Creative Director in der Maison Martin Margiela.« Interessant. Aber wo ist ER? »Geht es Ihnen gut?« Das Überraschungsei schmunzelt. »Sehen Sie?« Das Ei nestelt an seinem Halstuch herum. »Es ist nicht alles weiß, was wir machen. Nehmen Sie nur dieses Tuch, dieser Ton, das ist ecru, ein dunkleres weiß.« Was redet der Mann? Aber natürlich: Er ist mit allen Wassern gewaschen. Er will mich weichkochen. Nun heißt es: Klarstellen, was Sache ist. Ich springe auf. »WO IST MARGIELA?« sage ich laut. »Sie haben gesagt, ich könnte ihn treffen.« Scallon bleibt ganz ruhig. »Meinen Sie im Ernst, er gäbe sich für Sie zu erkennen?« Mist. Hier komme ich nicht weiter. »Gibt es Martin Margiela überhaupt?« »Was meinen Sie, wer meinen Flug zu dieser Messe bezahlt hat?« Scallons Gegenfrage hat etwas sphinxhaftes. Auch sonst scheint das Ei, das vor seiner Anstellung bei Margiela als Redenschreiber in Brüssel gearbeitet hat, sehr schlagfertig, sehr intelligent. Ich muss Zeit gewinnen. Vielleicht kommt der Meister ja gleich rein, einfach so. Oder er klingelt mal durch. Ob Margiela, dessen Kleider in Museen ausgestellt werden, in Wirklichkeit ein Künstler sei, ein Rauschenberg, ein Beuys, frage ich.
Ob der Verzicht auf Label und Gesicht ein Beitrag zur Mode der Zeit sei, in der sich jeder Designer mit seinem Namen auf zwölf verschiedenen Parfümflakons abbilden lässt. Patrick Scallon verneint all diese Fragen. Margiela reagiere nicht, sondern schaffe seine eigene Welt, eine Welt aus Weiß und Ecru. »Das ist«, Patrick Scallon lächelt jetzt, »ein anderes, ein dunkleres Weiß.« Er wird jetzt richtig gesprächig. »Die neuen Kommunikationsmittel haben nicht dazu beigetragen, dass sich die Menschen näher kommen. Das Internet verstärkt die Angst, Informationen zu verpassen, nicht mehr dazuzugehören. Deshalb erleben wir in der Mode eine neue Sehnsucht nach Uniformität. Die Menschen wollen sich nicht mehr abgrenzen. Sie wollen dazugehören. Interessant, nicht wahr?« Ich trinke einen Schluck Wasser. Scallon schaut mich an. »Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe?« Habe ich. Aber jetzt gilt: Bloß nicht einlullen lassen vom jovialen Redenschreiber-Ei. Ich habe einen klaren Auftrag: Margiela. »Wenn Ihr Chef ein Tier wäre, was für ein Tier wäre er dann?« Das Ei schaut mich gelangweilt an. »Ein Biber.«
Die Modenschau am Abend ist eine riesige Party, auf der Models in Weiß und Ecru herumstehen. Eine kleine, rundliche Frau zieht mich in einen Gang und verschließt hinter uns die Tür. Aus ihrer Handtasche holt sie einen Schlauch, aus dem sie Luft inhaliert. »Hier, wenn Sie auch mal ziehen wollen?« Ich stecke den Schlauch in meinen Mund und hole tief Luft. Sofort überkommt mich ein starkes Glücksgefühl, während die Frau, die behauptet, Suzie zu heißen, mit dunkler Stimme auf mich einredet. »Margiela ist jetzt überall!« ruft die Frau und rudert wirr mit den Armen. »Vielleicht haben Sie ihn bereits entdeckt?« Dann lacht sie auf. Ihr Gesicht wird rot, und die Frau verschwindet im Gang. Unter dem Einfluss der Schlauchinhalation suche ich Martin Margiela die ganze Nacht hindurch in den Biegungen von Florenz. Als mir eine aufdringliche Klatschreporterin erzählt, Margiela sähe so aus wie Harrison Ford, verfolge ich mit dem Taxi etwa eine Stunde lang einen Mann, der aussieht wie Harrison Ford. Dann wird es mir zu dumm. Ich fahre in mein Hotelzimmer zurück, zornig, ermattet, ohne Erfolg.
Am nächsten Morgen treffe ich Renzo Rosso. Ich versuche, extrem nett zu sein – der Mann hat immerhin die Privatnummer vom Dalai Lama und die von Caroline von Monaco in seinem Handy. Vielleicht rückt er ja eine raus. Wir treffen uns in einem von Margielas Mitarbeitern gestalteten Café auf der »Pitti«. »Ah! Ein deutscher Journalist!« Renzo Rosso, der neben einer vier Meter langen Blondine sitzt, steht auf und umarmt mich wie einen Bruder. Er riecht nach Odol. »Sie haben zehn Minuten«, flüstert er mir mit starkem italienischem Akzent ins Ohr, als wir uns setzen. Die Blondine starrt mich an. Ich starre zurück. Ihr Starren ist stärker. »Margiela? Ob es ihn wirklich gibt?« Rosso lacht. Er redet mit mir, als würde er einem Schwerhörigen den Weg zu den Toiletten erklären. »Ich telefoniere jeden Tag mit ihm! Ganz bestimmt war er hier! Ich glaube, er ist kurz vor der Modenschau wieder gefahren! Wissen Sie was? Er hat sich als Blumen- und Ballonverkäufer betätigt, an seinem eigenen Stand! Witzig, nicht wahr? Ein Namensschild trug er auch, warten Sie, was stand drauf … « »Stopp!« Die Vier-Meter-Blondine steht auf und streckt mir ihre sichelförmige Hand entgegen. »Ihre Zeit ist abgelaufen! Vielen Dank für Ihr Interesse an Renzo Rosso.« »Aber … « Als ich etwas sagen will, streift sie mich mit einem Blick, der älter ist als sie, so alt wie alle Gespräche zwischen Menschen zusammen. Auf der Rückreise sind einige Wolken am Himmel weiß, andere in Ecru, einem dunkleren Weiß, gehalten. Und Martin Margiela ist überall.
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