Montag, 21. Mai 2007
der unsichtbare
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© DIE ZEIT 1998

Der Belgier Martin Margiela ist die Frischzellenkur der Mode. Darauf hofft das Pariser Traditionshaus Hermés, das mit dem Vierzigjährigen auf einen exzentrischen Designer setzt
Der Unsichtbare
Daß ausgerechnet Margiela von Hermés als Designer nach Paris berufen wurde, ist eine Überraschung für die Modewelt. Hermés steht für Luxus und bourgeoisen Lebensstil. Zwanzig Zeichner sind beispielsweise allein damit beschäftigt, immer neue Motive für die bekannten Seidentücher zu finden. Und es dauert Monate, bis Firmenchef Jean-Louis Dumas-Hermés die Farben für seine edlen Produkte endgültig ausgewählt hat. Margiela dagegen, der an der Royal Academy of Art in Antwerpen studiert hat, ist bekannt für seine wilden Kreationen, die ganz bewußt wie falsch genäht aussehen, Proportionen auf den Kopf stellen und das Innen nach außen kehren. Margielas erste Kollektion im Sommer 1989 zeigte eine Ästhetik, die er für eine Zeit nach dem Dritten Weltkrieg entworfen hat. Die meisten Kleider waren weiß, abgerissen und schockierten das Publikum. Martin Margiela ist ein postmoderner Modemacher und ein Dekonstruktivist. Er zerlegt Kleidung, um sie neu zusammenzusetzen, kopiert echte Klassiker, die er zu dem idealtypischen Mantel, dem idealtypischen Rock erhebt und mit seinem namenlosen Logo kennzeichnet. Das ZEITmagazin hat den eigenwilligen Modemacher befragt - ganz postmodern natürlich per Fax, denn normale Interviews gibt der Designer nicht. Das Ergebnis ist ein ungewöhnliches ¯Gespräch«, bei dem einige Fragen offenbleiben und manche Antworten gleich doppelt gegeben werden.
ZEITmagazin:. Warum bleiben Sie unsichtbar? Es gibt fast überhaupt keine Photos von und Interviews mit Ihnen.
Martin Margiela: Wir werben für unsere Produkte eben nicht mit meinem Bild. Wenn wir die Menschen berühren können und sie anziehen möchten, was wir anbieten, können sie es einfach kaufen und tragen. Dieser Prozeß hat meiner Ansicht nach wenig damit zu tun, wie ich nun aussehe. Wir ziehen es vor, wenn die Leute ihren Geschmack und ihren persönlichen Stil über unsere Kleider entscheiden lassen und nicht ihr Bild von der Person oder Gruppe, die diese Sachen entworfen haben. Ein Bild, das von der Presse geschaffen und gehypt wird. Im Gegensatz zu Schauspielern und Sängern brauchen wir meine physische Gestalt nicht, um unsere Arbeit zum Ausdruck zu bringen.
ZM: Kann Mode wirklich so eigenständig sein, daß sie ohne die Person/das Gesicht/das Image des Designers auskommt?
Margiela: Das hoffen wir! Wir fällen keine Urteile über die Arbeit anderer. Wir glauben nicht, daß es da "Einheitsgrößen" gibt. Was dem einen paßt, ist deshalb noch nicht das Richtige für den anderen - und so muß es auch sein. Wir versuchen einfach, unsere Arbeit so zu vermitteln, wie es unserem Gefühl entspricht.
Wir ziehen es vor, wenn die Leute ihren Geschmack und ihren persönlichen Stil über unsere Kleider entscheiden lassen und nicht ihr Bild von der Person oder Gruppe, die diese Sachen entworfen hat. Ein Bild, das von der Presse geschaffen und gepusht wird. Im Gegensatz zu Schauspielern und Sängern brauchen wir meine physische Gestalt nicht, um unsere Arbeit zum Ausdruck zu bringen.
ZM: Wie definieren Sie Mode?
Margiela: Eine individuelle Reaktion auf Vorschläge und kulturelle Veränderungen.
ZM: Was sollte Mode sein? Was sollte sie auf jeden Fall erreichen?
Margiela: Leichtigkeit, Freiheit und Selbsterkenntnis.
ZM: Wie frei ist das Wesen "Mode" heute?
Margiela: So frei wie die, die es unbedingt definieren müssen.
ZM: a) Wie stark ist Mode durch Konventionen eingeschränkt? b) Gibt es Grenzen, die Sie gerne sprengen würden?
Margiela: a) Nicht Konventionen schränken ein, sondern unsere Reaktionen auf sie. b) die Grenze, die besagt, daß Mode beim Designer endet.
ZM: Was ist schlechter Geschmack?
Margiela: Eine vage Idee.
ZM: Welche Art Kleidung mögen Sie am liebsten?
Margiela: Kleidung, die den Ansprüchen gerecht wird, sei es denen des Trägers oder des Schöpfers.
ZM: Welchen Einfluß sollte Mode auf das Alltagsleben haben?
Margiela: Kommt auf das Leben an! Man könnte sagen, Mode sollte gleichzeitig neben vielen oder allen anderen schöpferischen Reizen des Lebens bestehen.
ZM: Welche ist Ihre Lieblingsfarbe? Warum?
Margiela: ...
ZM: a) Ihre Kleider sind schick, puritanisch und ein bißchen wild? b) Hat das etwas mit Ihrer Weltanschauung zu tun? c) Finden Sie das Leben hart?
Margiela: a) Die Interpretation unserer Arbeit überlassen wir lieber anderen.
b) ...
c) ...
ZM: Wie werden Sie Ihre Vorstellungen von Mode bei Hermés einführen?
Margiela: Wir sehen nicht die Notwendigkeit, "Vorstellungen von Mode" einzuführen. Wir erkunden lieber das gewisse Gefühl von Sensibilität, das an die Tradition von Qualität und Handwerkskunst gebunden ist und das auf die Bedürfnisse der Hermés-Kunden eingeht, wie sie über die Jahre bei Hermés verstanden worden sind.
ZM: Wie werden Sie mit den Stoffen umgehen, für die Hermés berühmt ist?
Margiela: Täglich.
ZM: Würden Sie sich als einen intellektuellen oder visuellen Designer bezeichnen?
Margiela: Wir glauben nicht, daß sich diese Ansätze gegenseitig ausschließen.
ZM: Was ist Ihre Philosphie des Luxus?
Margiela: Eben daß es eine ist.
ZM: Wie wichtig sind Logos?
Margiela: Für manche: sehr; für viele: ziemlich; für andere: überhaupt nicht.
ZM: Ist Modedesign die wichtigste Designart?
Margiela: Es existiert in Harmonie mit allen anderen Bereichen des Designs.
ZM: Was hat Mode mit Sex zu tun?
Margiela: a) Was die Sinnlichkeit angeht: einiges. b) Was die Fortpflanzung angeht: wenig, das uns bekannt wäre!
ZM: a) Betrachten wir Mode mal als ein wildes, freies Wesen - was würden Sie dazu sagen? b) Wovon ernährt sich Mode? c) Wo sind ihre Vorfahren? d) Wie fühlt sie sich heute?
Margiela: a) ?, b) Von der Hochzeit von Phantasie und Nutzen.
c) Wissen wir nicht, fragen Sie doch die Mode!
d) ...
ZM: Glauben Sie an die Möglichkeit, in der Mode etwas wirklich Neues zu kreieren?
Margiela: Etwas Neues: hoffentlich. Persönlich: immer.
ZM: Wohin geht die Mode in Zukunft?
Margiela: Weiter.
ZM: Kommen Sie sich vor wie frisches Blut für das alte Wesen "Mode"?
Margiela: Blut fühlt sich nie "frisch" an, es fühlt sich einfach nur an wie dein "eigenes".
ZM: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Menschen treffen, die Ihre Mode tragen?
Margiela: Daß sie ein Stück tragen, das wir im Einklang mit ihrer "Mode" entworfen haben.
ZM: Und wenn die Person dick und häßlich ist?
Margiela: Daß sie ein Stück tragen, daß wir im Einklang mit ihrer "Mode" entworfen haben.
ZM: Bevorzugen Sie nackte oder bekleidete Menschen? b) Kleider auf Bügeln oder an Personen?
Margiela: a) Wir glauben nicht, daß dies eine Frage von entweder/oder ist, sondern eine Frage des Kontexts! b) Kleider werden entworfen, damit man sie trägt. Es kann jedoch spannend sein, wenn man sieht, wie sie am Körper wirken, nachdem sie zunächst auf einem Bügel als eigenes Teil wahrgenommen und verstanden worden sind.

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